OIDA: Die zweite Welt der Pflegerinnen

Der Beitrag wurde zuerst in dieser Fassung auf OIDA.online veröffentlicht. Eine gekürzte Fassung wurde in DER STANDARD am 21.7.2018 veröffentlicht sowie Online unter dem Namen Pflegerin Elena und ihre stille Armee. Für den Beitrag wurden die Studierenden mit dem Leopold-Ungar-Preis 2018 in der Kategorie Print ausgezeichnet. Im Folgeartikel Als man Elena die Stimme nahm begleiteten sie die Betreuerin erneut und berichten, wie es ihr seitdem ergangen war.


60.000 Frauen, vor allem aus der Slowakei und Rumänien, pendeln jeden Monat nach Österreich. Aus wirtschaftlicher Not nehmen sie tausende Kilometer auf sich, um sich um unsere Alten zu kümmern. Um sie kümmert sich niemand. Darum hat Elena Popa den prekären Bedingungen den Kampf angesagt. Nun will man sie mundtot machen.

Reportage von Philip Pramer, Gabriele Scherndl und Elisa Tomaselli für OIDA.

OIDA ist ein Rechercheprojekt von Studierenden des Master-Studiengangs „Journalismus & Neue Medien“ über das Altwerden und Altsein. Entstanden im Wintersemester 2017/18.


Die zwei Chauffeure rauchen eine letzte Zigarette im Herzen des Neunten Wiener Bezirks. Dann setzt sich der jüngere, er ist Anfang Zwanzig, ans Steuer des blauen Kleinbusses. Er ist wach, reagiert schnell, hält sich an die Geschwindigkeitsbegrenzungen. Der ältere der beiden, ein rundlicher Herr mit behaarten Armen und freundlichen Augen sitzt am Beifahrersitz. Er hat 495 Kilometer Fahrt hinter sich. „Jeden Dienstag und Donnerstag fahren wir nach Rumänien. Jeden Mittwoch und Freitag nach Österreich“, erzählt er. Kurz darauf schläft er ein, seine Jacke als Kopfpolster zwischen sich und die Fensterscheibe geklemmt. Er riecht nach kaltem Zigarettenrauch und so, als hätte er einige Stunden lang nicht gesprochen.

Die Autofahrt nach Billed mit dem Pflegerinnen-Taxi dauert sieben Stunden und sieben Minuten. In einem guten Taxi. In einem schlechten Taxi nur fünf Stunden und 28 Minuten.

BiIled, das Ziel der Fahrt, ist ein 3000-Seelen-Dorf im Westen Rumäniens. Dort sitzt Elena Popa in ihrer grün-weiß gefliesten Küche. Das Haus ist alt, aber gut ausgestattet. Den großen, ovalen Küchentisch und die zwölf hölzernen Sessel hat sie in Österreich gekauft und herbringen lassen. Weil Elena als 24-Stunden-Pflegerin jeden zweiten Monat in Österreich verbringt, ist sie eine der reicheren Frauen im Dorf.

In der einen Hand hält sie eine Zigarette, in der anderen ihr Smartphone. Am Bildschirm sieht man eine junge Frau. Sie liegt im Bett und hält eine Bibel in die Kamera. Auch wenn das runde Gesicht verpixelt ist, erkennt man, dass sie weint. Sie sagt, dass sie für Elena Popa betet. Elena Popa weint nicht, sie lacht. Das tut sie oft. Auch wenn sie, so wie heute, eigentlich Angst hat. Elena ist 52, aber die grauen Haare, die tiefen Falten und die tätowierten Augenbrauen lassen sie älter aussehen. Sobald sie lacht, klingt sie, als wäre sie keine zwanzig.

Elena Popa wird von einer Vermittlungsagentur verklagt, weil sie die Mechanismen eines Systems offengelegt hat. Eines Systems des Machtmissbrauchs, der Abhängigkeit und der finanziellen und emotionalen Ausbeutung. Eines Systems, das lebensgefährlich sein kann: Das System der 24-Stunden-Pflege, das für viele der 60.000 24-Stunden-Kräfte, die momentan in Österreich arbeiten, Alltag ist.

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Elena hat heute schon dutzende Anrufe bekommen, aus Deutschland, Österreich, der Slowakei, aus Rumänien. Allesamt von 24-Stunden-Betreuerinnen. 87 neue Nachrichten auf Facebook. Der vierte Kaffee an diesem Nachmittag. Die zweite oder dritte Schachtel blaue Marlboro. Morgen um neun Uhr früh beginnt der Prozess. Von den Frauen, die heute anrufen, wird keine auftauchen. Morgen Abend wird die Frau mit der Bibel noch einmal anrufen und weinen.

Ein gutes Taxi macht zwischen Wien und Billed Pausen. Die erste in Parndorf beim Pennymarkt. Sechs Kleinbusse stehen am Parkplatz. Ihre Insassen: Gastarbeiter und Pflegerinnen aus dem Osten. Sie kaufen Binden, Waschpulver und Mezzo-Mix, das die Fahrer in den Kofferraum stopfen. Viel passt nicht mehr rein, jede Frau hat mindestens zwei Taschen und einen Koffer dabei. „Schau immer auf deine Sachen“, sagt eine Pflegerin in gebrochenem Deutsch.

Auch der Kofferraum des schlechten Taxis ist voller Waschpulver. Billiger ist das Waschmittel und qualitativ besser, sind sich die Frauen einig. Der Kleinbus bietet eigentlich Platz für sieben Personen und zwei Fahrer. Heute sitzen nur vier Frauen und ein Fahrer im Bus. Nur ein Fahrer – das macht das Taxi zum schlechten Taxi. Knapp drei Wochen ist es her, als ein übermüdeter Fahrer einen Verkehrsunfall in der Slowakei verursachte und sieben Frauen mit sich in den Tod riss. Unfallursache: Sekundenschlaf.

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Das ist kein Einzelfall. Als im März 2014 der Fahrer eines Pflegerinnentaxis einschlief, saß Angi Masek auf dem Sitz neben ihm.

In einem Restaurant in ihrem Heimatort Reschitz greift Angi mit zittriger Hand nach ihrem Kaffee. Sie kann ihre Finger nicht ausstrecken. Ein Schubser mit der rechten Hand ermöglicht es ihr, den Henkel mit dem Zeigefinger und Mittelfinger der linken Hand zu greifen. Eine Technik, die sie sich in den letzten drei Jahren mühevoll angeeignet hat. Sie nimmt einen Schluck und zieht an ihrer Zigarette.

Eigentlich wollte Angie privat von ihrem Turnus in Österreich nach Hause reisen, erzählt sie, aber es wurde ihr untersagt. 

Eigentlich wollte sie privat von ihrem Turnus in Österreich nach Hause reisen, erzählt sie, aber es wurde ihr untersagt. Außer, sie würde dennoch das Geld für den Bus zahlen. Der Fahrer des Busses, mit dem Angi nach Reschitz zurückfahren wollte, saß seit 26 Stunden ohne Pause hinterm Steuer, hätte sie später erfahren. Als sie durch den Plabutschtunnel fuhren, nickte er ein und knallte auf die Rückfläche eines LKWs. Angi war im Frontteil des Wagens eingeklemmt. Neun Tage verbrachte sie anschließend im Koma. An die neun Stunden vor und die drei Monate nach dem Unfall kann sie sich nicht erinnern. Ihre ganze rechte Hand ist frakturiert. Und das einzige, was sie von ihrer Agentur gehört hat war: “Rauchen kann sie ja noch mit der linken Hand.” Heute würde sie jungen Rumäninnen abraten, als Betreuerinnen nach Österreich zu kommen.

Die Sicherheit der Pflegerinnen wird vom Profitinteresse mancher Agenturen verdrängt. Die Männer, die die teils agentureigenen Busse fahren, werden, genauso wie die Frauen eingeschüchtert und müssen Geld für die Agenturen lukrieren. Also fahren manche von ihnen bis zu 30 Stunden ohne Pausen durch Osteuropa.

Doch die lebensgefährlichen Überfahrten, von denen die Österreicher tagtäglich auf der Autobahn Zeugen werden, ohne es zu merken, sind nur ein Symptom eines viel tiefer liegenden Problems: Der Macht der Agenturen über die Pflegerinnen. Der Macht, die Elena Popa brechen will.

Mit einem Finger tippt Elena auf der Tastatur. Der künstliche Fingernagel stört ein wenig dabei. „Der Laptop ist schon etwas langsam“, erzählt sie. Zu viele Dateien hätte sie darauf gespeichert. Elena leitet eine Facebook-Gruppe mit über 22.000 24-Stunden-Pflegerinnen und -Betreuerinnen. Eigentlich ist das nicht dasselbe, denn eine Pflegekraft rund um die Uhr zu bezahlen wäre für die meisten Österreicher unerschwinglich. Aber in der Praxis werden die Begriffe vermischt.

Viele der Frauen schicken Elena ihre Verträge, Zertifikate oder Honorarnoten. „In privat“, wie Elena sagt. Auf denen ist das Problem der Pflegebranche dokumentiert. Und weil Elena sie öffentlich gemacht hat, sind sie auch der Ursprung ihres Problems.

„Sie kaufen diese Zertifikate im Bus oder auf der Straße, aber niemand hat sie gefragt, wo sie sie herhaben.“ 

Denn viele der Zertifikate sind gefälscht. „Diese Frauen haben keine Stunde Schule gemacht“, sagt Elena. „Sie kaufen diese Zertifikate im Bus oder auf der Straße, aber niemand hat sie gefragt, wo sie sie herhaben.“ 150 Euro würden sie dafür bezahlen. Damit bekommen sie den Beleg für eine Ausbildung, die sie nie absolviert haben und die Erlaubnis, die österreichische Eltern- und Großelterngeneration zu pflegen.

Doch morgen geht es nicht nur um die 45.000 Euro Schadensersatz, die Elena zahlen muss, wenn sie verliert. Bis jetzt haben ihr die Frauen aus der Facebook-Gruppe geholfen, die Anwaltskosten zu tragen, aber diese Summe würde sie ruinieren. Es geht auch ums Prinzip.

„Wir wollen nicht mehr bedroht, beleidigt und terrorisiert werden. Das muss aufhören.“ 

Elena will die Branche verändern. Sie will, dass die Bindefristen abgeschafft werden, und die Strafen, die manchen Pflegerinnen drohen, wenn sie die Agentur wechseln. Oder dass sie nicht mehr jeden Monat horrend hohe Provisionen an die Agenturen zahlen müssen. Sie will, dass keine Betreuerin mehr mit einem Knebelvertrag an ihre Agentur gefesselt wird. Und: „Wir wollen nicht mehr bedroht, beleidigt und terrorisiert werden. Das muss aufhören.“

Ein gutes Taxi macht mehrere Pausen. Die zweite an einer Raststätte in der Nähe von Budapest. Die Fahrer essen Gulasch für fünf Euro. Bevor der Bus weiterfährt, verteilt die Frau am linken Fenster Schinkensemmel, die Frau am rechten Fenster macht ein Kreuzzeichen und schließt die Augen. Während das gute Taxi durch das Flachland von Ungarn fährt, vorbei an Äckern, Wäldern und Folientunneln, überquert das schlechte, dafür schnelle Taxi bereits die Grenze nach Rumänien.

Mit einer Hand am Steuer plaudert dessen Chauffeur ausgelassen in sein Handy. Wenn er kurze Telefonpausen macht, versucht ihn die dunkelhaarige Frau auf dem Beifahrersitz in ein Gespräch zu verwickeln. Sie greift nach ihrer Tasche und nimmt sich ein Hustenbonbon heraus, das sie knirschend aus dem Plastik befreit. Sie hebt ihren Blick und schaut geradeaus. Rote Lichter von bremsenden Autos, unzählige bunte Leuchtschilder von Motels am Straßenrand und eine Autobahn, die nie zu enden scheint.

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An der Grenze sammelt der Fahrer die Pässe der Insassinnen ein. Bevor sie sie zurückbekommen, werden sie zweimal kontrolliert: Einmal von den Ungarn, einmal von den Rumänen. Denn obwohl Rumänien erst vor einigen Monaten sein 10. Jahr bei der EU feierte, wird das Schengenabkommen nicht angewendet.

Ciprian P., ein Mann mit Sportjacke und Kopfhörern im Ohr blickt in die Ferne. Oberhalb von Reschitz auf der Terrasse eines Cafés hat man vermutlich den schönsten Ausblick auf die Kleinstadt im Banater Gebirge. Der Herbst ist eingezogen. Die Blätter sind goldbraun gefärbt und die Sonne setzt rötliche Farbakzente. Reschitz ist in Wälder und weite Hügellandschaften eingebettet. Klassisch realsozialistische Wohnblöcke und Einfamilienhäuser verleihen der Stadt ihren Charakter.

Ciprian arbeitete von September 2016 bis Jänner 2017 bei derselben Agentur, die nun Elena Popa verklagt. Ciprian heißt eigentlich anders, doch seinen Namen will er lieber nicht lesen. Denn in deren Auftrag hat er Dokumente gefälscht, hat beglaubigte Übersetzungen erstellt, ohne dafür qualifiziert zu sein, wie er heute erzählt. Bis er entschied, aufzustehen.

Die Herbstidylle fängt an zu bröckeln. „Das rote Gebäude dort drüben ist der ehemalige Konzern für Schiffsmotoren und Turbinen”, erzählt Ciprian. “Bei den größten Firmen in der Stadt waren vor der Wende miteinander um die 30.000 Mitarbeiter beschäftigt. Nach zehn Jahren waren es nur noch je Tausend.”

Nach der Wende verloren unzählige Metallarbeiter ihren Job und Reschitz, das einstige Juwel der Stahlindustrie, sein Gesicht. Ciprians Blick schweift nach links, er zeigt mit seinem Finger auf ein Gebäude mit blauem Dach. Er erzählt, dass dort Airbags für einen schwedischen Konzern hergestellt werden. Ungefähr tausend Menschen sind in diesem Unternehmen beschäftigt. „Natürlich ist das nichts im Vergleich zu dem, was die Stadt davor an Arbeitsplätzen hatte“, sagt er und seufzt.

Doch auch diejenigen, die in Reschitz noch einer Arbeit nachgehen, müssen mit wenig auskommen. Der Mindestlohn liegt in Rumänien bei etwa 300 Euro. Nur Bulgarien liegt noch darunter und bildet damit das Schlusslicht in der EU. Und diese Gehälter stehen in keinem Verhältnis zu den rumänischen Lebenserhaltungskosten. Diese sind zwar niedriger als jene zentral- und westeuropäischer Staaten, dennoch kommen viele Familien nur schwer über die Runden. Die Zahlung des Mindestlohns scheint gängige Praxis zu sein. „Ich wurde auch mit dem Mindestlohn bezahlt und hab noch etwas dazu gekriegt. Aber es wurde nichts überwiesen. Alles schwarz, damit sie keine Steuern zahlen müssen”, sagt Ciprian.

Als Rumänien Mitglied der EU wurde, war die Hoffnung auf Wohlstand groß. Viele glaubten an neue Arbeitsplätze, an Sozialreformen und dass nun endlich alles besser werden würde. Besser wurde es, aber nur für wenige. Zu diesen wenigen gehören jene, deren Geschäftsmodell zum Goldbecken wurde. Ein Modell, bei dem jeder ein Stückchen des Kuchens abbekommt, die Unternehmen gleichermaßen wie die Arbeiterinnen. Ein Geschäftsmodell ohne Barrieren, das jeder ausführen kann: das Geschäft mit dem Pflegeexport.

“Mittlerweile gibt es in Reschitz an die 70 Vermittlungsagenturen, die die Frauen nach Österreich zu euren Alten bringen”, sagt Ciprian. Im Umkreis sollen sogar 130 bis 140 angesiedelt sein. „Natürlich ist das sehr verführerisch für die Frauen“, meint Ciprian, „sie verdienen besser im Ausland.“ Verbringt eine Frau die Hälfte ihrer Zeit zum Arbeiten in Österreich, bleiben ihr im Monat etwa 600 Euro in der Tasche. In Österreich würde niemand 24/7 für dieses Geld arbeiten. In Rumänien ist das viel mehr als sie in herkömmlichen Jobs verdienen würden. Und die Agenturen wissen das.

Beim morgigen Prozess wird entschieden, ob er als Elenas Zeuge genehmigt wird. Die vielen Pflegerinnen, die ihr ihre Unterlagen schicken, kommen nicht in Frage. Keine von ihnen will aussagen, zu groß ist die Angst, den Job zu verlieren. Oder noch schlimmer: Auf die Blacklist zu kommen, über die in der Pflegebranche immer wieder Gerüchte die Runde machen.

Elena gehört zu den wenigen wirklich Selbstständigen in dieser Branche – auch wenn auf dem Papier jede Pflegerin selbstständig ist. Sie arbeitet ohne Agentur im Rücken. Mit Unterstützung ihrer Betreuungsfamilie in Österreich konnte sie sich von ihrer damaligen Agentur lösen. Auch wenn, so sagt sie, in ihrem Vertrag stand, dass sie im Falle der Kündigung 30.000 Euro Strafe zahlen musste. Doch resolut, wie Elena ist, hat sie sich dagegen gewehrt. Und durchgesetzt.

Eigentlich müsste sich die österreichische  Wirtschaftskammer als gesetzliche Interessensvertretung um die Betreuerinnen kümmern. Schließlich zahlen die Frauen – je nach Bundesland – zwischen 55 (Vorarlberg) und 106 Euro Grundumlage pro Jahr (Niederösterreich). In der Fachgruppe Personenberatung  und Personenbetreuung ist neben den Pflegerinnen auch ein buntes Potpourri von mehr oder weniger ähnlichen Berufsgruppen vertreten. So teilen sie sich die Vertretung mit Lebens- und Ernährungsberatern – und mit den Vermittlungsagenturen.

„In den Fachvertretungen sitzen nur die Agenturen“, sagt Roland Loidl vom Institut für Personenbetreuung, der selbst in der Fachgruppe aktiv ist. Er kämpft mit seiner Partnerin Katarina Staroňová, früher ebenfalls Pflegerin, gegen die Benachteiligung von 24-Stunden-Kräften. „Denn mit den Lebensumständen einer Betreuerin ist es unmöglich, sich im Fachverband zu engagieren.” Schließlich müssen sie oft über 20 Stunden pro Tag zur Stelle sein und verbringen meist nur zwei bis drei Wochen in Österreich. Oft würden sie auch schlecht Deutsch sprechen und nicht von der Existenz der WKO-Fachgruppe wissen, erklärt Loidl, denn viele Agenturen würden den „Papierkram“ für die Pflegerinnen übernehmen.

Wer in der aktuellen Situation auf der Strecke bleibt, sind die Pflegebedürftigen und die Frauen, die ihnen ein würdevolles Altern ermöglichen wollen. Darum suchen Roland Loidl und Katarina Staroňová nach Lösungsansätzen. Sie fragen sich, wie die konzentrierte Macht der Agenturen gebrochen und die Situation der Frauen, die aus wirtschaftlicher Not nach Österreich kommen, verbessert werden kann.

Das Paar ist der Fels in der Brandung für die Personenbetreuerinnen in Österreich. Roland und Katarina sind unermüdlich an der Arbeit, auf die prekären Bedingungen der Pflegebranche aufmerksam zu machen. Sie sind die Interessenvertretung, die die WKO sein sollte. Katarina erzählt vom skandinavischen Modell, sie hält es für ein gelungenes Pflegesystem. In diesem trägt der Staat die primäre Verantwortung für die Betreuung seiner älteren Bürger und orientiert sich mehr an Sach- als an Geldleistungen.

In Österreich hingegen ist die Pflege in erster Linie eine Familienaufgabe, bei der der Staat nur eine marginale, ergänzende Rolle einnimmt. Die Folge: Ein ungezähmter Auswuchs von Agenturen, die seit einigen Jahren aus dem Boden schießen. Und damit eine ungeklärte Frage der Zuständigkeiten. Wie viele Instanzen und Akteure braucht es zwischen einem pflegebedürftigen Menschen und seiner Betreuung?

Die Nachfrage nach 24-Stunden-Betreuungspersonal steigt, und damit die Notwendigkeit einer Alternative. Roland könnte sich Gemeindepartnerschaften vorstellen, in denen Kommunen im In- und Ausland zusammenarbeiten und die Betreuung organisieren. “Denn jetzt stopfen wir hier Betreuungslöcher und machen woanders welche auf”, sagt er. Doch dafür müsste zuerst die Rolle des österreichischen Staates in der Pflege überdacht werden.

Egal ob gutes oder schlechtes Taxi, die letzten Kilometer auf Rumäniens Straßen sind holprig. Die vergangenen Stunden roch es zunehmend nach Schweiß, im Bus ist es 25 Grad warm. Nun riecht es nach Waschpulver, das aus den riesigen Persil-Kartons auf die Taschen und Koffer rieselt. Ein Dorf nach dem anderen wird angefahren, eine Pflegerin nach der anderen steigt aus. „Das ist mein Zuhause“, sagt eine von ihnen stolz und zeigt auf ein kleines grünes Haus mit einem Holzbalkon und liebevoll gestalteten Mosaik rund um die Fenster. Sie scheint die einzige Pflegerin in der Nachbarschaft zu sein. Die Häuser nebenan sind nicht einmal gestrichen.

Schließlich hält der Bus in einem kleinen Dorf an. Es ist stockdunkel, nur ein paar schiefe Laternen werfen ein dämmriges Licht auf die Häuser. Die Seitentür geht klapprig auf. Das schlechte Taxi ist in Billed angekommen.

Der Fahrer übergibt das Gepäck und schmeißt die Tür mit einem eingerosteten Klappern wieder zu. Die Frauen winken erleichtert zum Abschied. Erleichtert, weil sie ihre Familien gleich in den Arm nehmen können und erleichtert, weil die Fahrt gut verlaufen ist. Der Fahrer setzt sich wieder hinters Steuer, startet den Motor und beschleunigt. Als der Kleintransporter außer Sichtweite ist, springt plötzlich eine kleine Frau mit grauen Haaren und einer Zigarette in der Hand hinter dem Gebüsch heraus.

Mit einem herzhaften Lachen ruft sie: „Willkommen!“. Elena Popa ist ein herzlicher Mensch, sie umarmt auch Fremde, wenn sie sie für “die Guten” hält. Erleichterung macht sich nun auch hier breit, weil die Taxifahrer nicht bemerkt haben, dass sie eine Journalistin nach Billed brachten. Denn: „Wer Billed sagt, sagt Elena Popa”, sagt Elena Popa. Sie sollte sich nicht zu sehr exponieren. Denn sie ist der Störenfried in der Betreuungsbranche. Die wenigsten Agenturen oder Fahrer sind gut auf sie zu sprechen. Oder auf ihre Besucher.

Es ist der Morgen des 1. November 2017, der Tag, an dem sich für Elena Popa alles entscheidet. Sie sitzt in ihrer Küche und trinkt wie jeden Morgen Kaffee. Elena hat sich genau überlegt was sie heute anzieht: Ein knielanges Jeanskleid und schwarze Stiefel mit hohen Absätzen. Die Stiefel hat sie extra letzte Woche für 20 Euro im Internet bestellt, auch wenn sie normalerweise nur flache Schuhe trägt. Das Kleid sitzt heute lockerer als noch im Frühling. Seitdem sie Ende Juni – es war ein Sonntag, an dem sie gerade in Ungarn auf Urlaub war – vom Gerichtsprozess erfahren hat, hat sie zehn Kilo abgenommen.

Das Gericht in der Provinzhauptstadt Temeswar entscheidet heute darüber, ob Elena 45.000 Euro Schadensersatz an eine rumänische Agentur zahlen muss. Doch an dem Urteil hängt viel mehr: Es könnte ein Präzedenzfall sein. Darüber, ob Pflegerinnen Missstände anprangern dürfen oder ob es sie in den finanziellen Ruin treibt.

Hunderte Pflegerinnen, für die Elena kämpft, zittern heute mit ihr. Jene Frauen, die in ganz Österreich gerade unsere Alten aufwecken und ihnen beim Anziehen helfen. Jene Frauen, die gerade auf den Autobahnen Osteuropas unterwegs sind. Jene Frauen, die gerade ihre Auszeit in der Heimat verbringen.

Wenige Tage später wird in Temeswar ein ganz anderer Kampf ausgetragen werden: Der Kampf gegen die Korruption, die in Rumänien für viele immer noch zum Alltag gehört. Vier Tage nach Elenas Verhandlung werden tausende Menschen auf die Straßen Rumäniens gehen, um dort gegen die geplante Aufweichung des Antikorruptionsgesetztes zu demonstrieren. Zehn Wochen später wird der Rumänische Ministerpräsident Mihai Tudose zurücktreten.

Die Autofahrt von Billed nach Temeswar dauert 35 Minuten. Sie führt durch Felder und Dörfer, die sich selbst überlassen wurden. Am Straßenrand verspricht eine einsame Plakatwand ein besseres Leben in Österreich. Die sonst so quirlige Elena ist heute ganz still, nur ab und zu wechselt sie ein paar rumänische Worte mit Ciprian, der sie zum Prozess begleitet. Statt mit energischem Gelächter füllt Elena heute den Innenraum des Kleinwagens mit Parfum.

Nach der Sicherheitskontrolle schrauben sich Elena und ihre Beistandstruppe in den zweiten Stock des unscheinbaren Gerichtsgebäudes. Im Gerichtssaal sitzen gut zwanzig Zuschauer auf harten, schlichten Holzbänken. Nur eine Handvoll davon gehört zu Elena, viele sind es nicht, die heute da sind, um sie emotional zu unterstützen.

Der Raum ist mit dunklem Holz vertäfelt, alle paar Minuten gehen Gerichtsbedienstete und Zuschauer durch eine große, knarzende Schwingtür mit einem abgegriffenen Messingknauf ein und aus. Unter dem rumänischen Wappen, ein goldener Adler auf blauem Grund, sitzt die Richterin, eine junge Frau mit roten Haaren und roten Lippen. Die Anwälte treten vor und erzählen zwei Versionen einer Geschichte. Wer kein Rumänisch spricht, muss sich alleine auf die Gestik und Mimik der Anwesenden verlassen. Sie verrät: Alle Seiten sind sich dem Ausmaß der Entscheidung bewusst.

Als die Richterin ihre Entscheidung vorträgt, entspannen sich plötzlich Elenas Schultern, die die vergangene halbe Stunde immer steifer wurden. Elena dreht sich um und streckt den Daumen nach oben, ihre Freundinnen beginnen aufgeregt zu tuscheln.

Wieder unten vor dem Gerichtsgebäude fällt Elena in sich zusammen. In der Hocke legt sie das Gesicht in ihre Hände und atmet tief durch. Die Richterin hat den Prozess vertagt, erklärt sie. Aber: Elena darf Ciprian bei der nächsten Verhandlung als Zeuge aussagen lassen. Er soll dann bestätigen, dass die Agentur in hunderten Fällen Zertifikate gefälscht und damit Sozialbetrug begangen hat.

Am Abend ruft die Frau mit der Bibel noch einmal an. Wieder weint sie, diesmal vor Freude. Sie gratuliert Elena zum Verhandlungsausgang. Innerhalb von wenigen Stunden hat sich die Neuigkeit über Ländergrenzen hinweg in der gesamten Pflegebranche verbreitet. Auf Elenas Laptop ploppen die Facebook-Nachrichten im Sekundentakt auf, sie führt ein Videotelefonat nach dem anderen.

Noch weiß Elena nicht, dass sie drei Monate später verurteilt werden wird. Am 1. Februar 2018 wird sie erfahren, dass sie zwar nicht die vollen 45.000, aber dennoch 5000 Euro Schadensersatz zahlen muss. Elena weiß noch nicht, dass sie sich dazu entschließen wird, bis nach Bukarest vor das Höchstgericht zu ziehen, um Berufung einzulegen.

Heute, an diesem Herbstabend Anfang November, überwiegt in Biled die Erleichterung. Für Elena und ihre Kolleginnen ist es ein Etappensieg, auch wenn die Agenturen immer noch mächtiger sind als die lose organisierten Betreuerinnen. Noch.

Photos: © Philip Pramer, Gabriele Scherndl & Elisa Tomaselli