Ihr Herz schlägt schneller

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Ausgezeichnet mit dem Journalismus Nachwuchspreis der FHWien der WKW in der Kategorie Text.


Die Körper von Frauen und Männern unterscheiden sich in vielem. Um genau zu sein, in jeder einzelnen Körperzelle. Die Medizin hat diese Unterschiede in der Vergangenheit größtenteils ignoriert. Für Frauen kann das lebensgefährliche Folgen haben – zum Beispiel dann, wenn sie einen Herzinfarkt erleiden.

Ein Feature über die mangelnde Ungleichbehandlung von Frauen und Männern in der Medizin.

Reportage von Jara Majerus

Entstanden im Rahmen des Bachelor-Studiengangs „Journalismus & Medienmanagement“ im Wintersemester 2019/20.


Die Patientin, die vor ihr sitzt, ist furchtbar wütend. Sie schlägt mit den Fäusten gegen den Ordinationstisch. „Sie wissen einfach nicht was mein Problem ist! Das ist es“, sagt sie. Angela Maas arbeitet seit drei Jahren als Kardiologin in den Niederlanden, als sie sich eingestehen muss, dass ihre Patientin recht hat. Sie wusste wirklich nicht, was all ihren weiblichen Patienten fehlt, erzählt Maas. In ihrer Ausbildung lernte sie über Frauen, dass sie seltsame Patienten seien. Sie hätten merkwürdige Symptome, hieß es. Sie würden nicht in das System passen. Weibliche Patienten wurden nicht ernstgenommen. Nach dem Vorfall in ihrem Ordinationszimmer, gab sich die Kardiologin Maas nicht mehr mit ihrem Unwissen über Frauenherzen zufrieden. Sie beschloss sich ausschließlich auf diese zu konzentrieren. Seitdem behandelt sie nur noch weibliche Patienten.

In den letzten Jahrzehnten wurden Frauen in der Medizin stark vernachlässigt. Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen blieben größtenteils unbeachtet. Frauen wurden wie Männer
behandelt. Dabei bauen Frauen und Männer Medikamente unterschiedlich ab, ihre Hormone beeinflussen die Körper verschieden und auch ihr Herzschlag hat ein anderes Tempo.

Frauenherzen schlagen schneller. Nämlich um vier bis fünf Herzschläge pro Minute schneller. Außerdem sind ihre Herzen kleiner und im Inneren anders aufgebaut: Die Herzkranzgefäße, die das
Herz mit Nahrung und Sauerstoff versorgen, sind im weiblichen Herzen dünner und geschlängelter als im männlichen Herzen. Unterschiede zeigen sich auch bei den Symptomen von Herz-Kreislauf Erkrankungen. Stechende Schmerzen, ein Engegefühl oder Druck auf der Brust sind als typische Anzeichen für einen Herzinfarkt bekannt. Doch das sind typische Symptome für Männer. Für Frauen
hingegen sind es Übelkeit und Schmerzen im Rücken. Die unterschiedlichen Symptome führen dazu, dass Notärzte das Risiko für Frauen oft übersehen. Ihre Anzeichen werden nicht als solche erkannt oder ignoriert. „Wenn Frauen keine männlichen Symptome aufweisen, werden sie nicht gut genug behandelt“, sagt die Kardiologin Maas.

Diese Unsensibilität zeigt sich auch in der Gesellschaft. Hätte eine Frau auf offener Straße einen Herzstillstand, so würde sie in rund 68 Prozent der Fälle von Passanten reanimiert werden. Ein Mann
hingegen würde mit einer Wahrscheinlichkeit von 73 Prozent wiederbelebt werden. Das zeigen Forscherinnen und Forscher der Universität Amsterdam 2019 in einer Studie. „Ich denke, die Passanten
glauben einfach nicht, dass es sich in dieser Situation bei Frauen um einen Notfall handelt“, sagt die Kardiologin Angela Maas dazu.

In der Medizin müssen Frauen um Gehör kämpfen

So unterschiedlich die Herzen von Frauen und Männern auch sind, Herzkrankheiten betreffen sie gleichermaßen. Im Jahr 2017 machten Herztodesfälle 26 Prozent der Todesursachen bei Frauen in Österreich aus. Bei Männern waren es 24 Prozent. Trotzdem sind es vorwiegend männliche Patienten, die eine Herzoperation erhalten. Im Jahr 2018 wurden doppelt so viele Männer wie Frauen in Österreich einem chirurgischen Eingriff am Herzen unterzogen. Genauer gesagt, operierten die Ärztinnen und Ärzte rund 6.880 Männer und rund 3.630 Frauen.

„Die Patienten der Kardiologie waren männlich und das sind sie größtenteils auch heute noch. Frauen hatten Zugangsprobleme zur Kardiologie. Das war wirklich auffallend. Wahrscheinlich sind wir
Pionierinnen der Gendermedizin deshalb eigentlich alle Kardiologinnen gewesen“, sagt Margarethe Hochleitner. Die kleine Frau lehnt sich in ihrem Stuhl zurück und schaut durch ihr Büro. Auf ihrer Nase sitzt eine kleine Brille mit orangem Rahmen und runden Gläsern. Sie verrutscht kein einziges Mal.

Margarethe Hochleitner leitet das Frauengesundheitszentrum an den Universitätskliniken Innsbruck und arbeitet als Kardiologin und Gendermedizinerin. Als solche hat sie es sich zum Ziel gemacht, eine
personalisierte Medizin anzubieten. Die Behandlungen sollen so individuell wie möglich auf die Patienten und Patientinnen abgestimmt werden. Um das zu erreichen, nimmt Margarethe Hochleitner die Unterschiede zwischen Männern und Frauen genau unter die Lupe.

Die Gendermedizin findet ihren Ursprung in der zweiten Welle der Frauenbewegung. Während die erste Welle der Frauenbewegung Ende des 19. Jahrhunderts das Frauenwahlrecht erkämpfte, sollte die zweite Welle in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren das Leben aus Sicht der Frau aufarbeiten. Die Frauen wollten geschlechtsspezifische Diskriminierungen aufzeigen. Der weibliche Körper stand dabei mit mehreren Facetten im Zentrum der Debatte: Gewalt gegen Frauen, die
Kontrolle über die eigene Gebärfähigkeit, die Kriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs, Pornographie und die Vermarktung des weiblichen Körpers wurden thematisiert. Im Rahmen der Bewegung wurde auch die Medizin neu überdacht und aus Sicht der Frau betrachtet. Women’s Health, ein neuer Fachbereich der Medizin und die Vorreiterin der Gendermedizin, ward geboren.

Rund dreißig Jahre später gründete Margarethe Hochleitner das Frauengesundheitszentrum in Innsbruck. „Wir nehmen die Patienten auf, die sonst niemand will. Die Alten und Armen“, sagt Hochleitner. Neben ihrem Frauengesundheitszentrum hat die Tirolerin noch etwas erreicht, beziehungsweise erkämpft: „Wir waren mit Innsbruck die ersten, die die Gendermedizin als Pflichtfach in den Curricula aufgenommen haben“, sagt sie. „Wir sind halt lästig. Das ist mir zumindest ein großes Bemühen.“ Im Pflichtfach Gendermedizin und Diversity lernen die Studenten und Studentinnen alles über die bekannten Unterschiede zwischen Frauen und Männern. So lernen sie auch, dass Frauen mitunter andere Krankheiten haben. Krankheiten, wie das Broken Heart Syndrom.

Stress macht Frauenherzen krank

Die Herzen von Männern und Frauen unterscheiden sich nicht nur anatomisch. Auch Empfindungen und Gefühle wirken sich verschieden auf die Herzen der beiden Geschlechter aus. Einige Gefühle belasten Frauenherzen so stark, dass sie „brechen“. Die Rede ist vom Broken Heart Syndrom: Ausgelöst wird das Syndrom durch aufreibende emotionale Ereignisse. Der Tod eines geliebten Menschen,
existenzielle Ängste, ein Unfall oder eine Beziehungskrise bedeuten für Betroffene oft großen, akuten Stress. Die Ereignisse setzen die Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol frei. Durch den
erhöhten Hormonspiegel verengen sich die Blutgefäße im Körper und die kleinen Blutgefäße, die das Herz versorgen, verkrampfen. Das Herz bekommt zu wenig Sauerstoff. Es erstarrt.

Es sind fast ausschließlich Frauen, deren Herzen „brechen“. 85 Prozent der Patienten sind weiblich. Besonders gefährdet sind Patientinnen zwischen 55 und 60 Jahren. Doch auch jüngere Frauenherzen reagieren sensibel auf Stress. In den letzten Jahrzehnten ist die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen zwischen 35 und 54 Jahren einen stressinduzierten Herzinfarkt erleiden, gestiegen. „Die Gesellschaft, in der wir leben ist stressiger geworden. Bei Frauen mittleren Alters führen vor allem Alltagsprobleme, sowie Verpflichtungen in der Arbeit und die Kindererziehung zu konstantem Druck“, sagt die Kardiologin Angela Maas. Dieser Druck kann die Frauenherzen krank machen. Bei jüngeren Frauen kann der chronische Stress zu einem Riss im Herzen – einer Koronardissektion – führen. Hier machen 90 Prozent der Patienten aus.

Um Re-Infarkte aller Art vorzubeugen, verschreiben Ärztinnen und Ärzte nach der Diagnose Medikamente. Eine beliebte Medikamententherapie, die vor einem weiteren Infarkt schützen soll, ist die ABC-Therapie. Dabei steht A für Aspirin, B für Betablocker und C für Cholesterinsenker. Bei Männern wirkt diese Therapie in den meisten Fällen gut. Die Wirksamkeit bei Frauen ist jedoch bis
heute nicht ausreichend erforscht.

„In Wahrheit haben wir gute Daten für weiße Männer um die Vierzig“

Dass Medikamente bei Frauen anders wirken als bei Männern, wurde vor zwanzig Jahren durch Zufallsbefunde bekannt. Frauen meldeten sich auf Grund von starken Nebenwirkungen. Daraufhin folgten zwar genauere Beobachtungen bei einzelnen Arzneimitteln, systematische Untersuchungen gab es jedoch nicht. „Man hat zu wenige Studien ganz gezielt an Frauen gemacht. Bei klinischen Studien zur Wirkung von Arzneimitteln sind heute noch durchschnittlich 75 Prozent der Studienpopulation Männer – gesunde Männer mittleren Alters“, sagt Gerd Glaeske, Professor für Arzneimittelforschung an der Universität Bremen. Man weiß viel darüber, wie Medikamente bei gesunden Männern um die Vierzig wirken. Und man weiß wenig bis nichts darüber, wie Medikamente bei Frauen wirken.

Dass die Medikamente bei Frauen anders wirken, hängt mit ihrer Verstoffwechslung zusammen: Frauen sollten weniger Alkohol konsumieren als Männer. Ein Viertel Liter Bier pro Tag für die Frau und ein halber Liter Bier pro Tag für den Mann. Der Grund dafür liegt in der Leber. Das Enzym, das den Alkohol abbaut, ist bei Frauen schwächer und tritt in geringerem Maß auf als bei Männern. Der Alkohol wird im Frauenkörper langsamer verstoffwechselt und wirkt stärker. Enzyme bauen aber nicht nur Alkohol, sondern auch Medikamente ab. Somit verstoffwechseln die Enzyme auch den Betablocker Metoprolol. Er findet Verwendung in der ABC-Therapie und wird Frauen zudem oft verschrieben, um Migräneanfälle vorzubeugen. Dieses Arzneimittel hat bei Frauen einen doppelt so hohen Spiegel im Blut wie bei Männern. „Das bedeutet, dass Metoprolol bei Frauen bei gleicher Dosierung sehr viel stärker wirkt als bei Männern. Und das bedeutet auch, dass die Nebenwirkungen sehr viel stärker ausfallen “, sagt Gerd Glaeske. Auch Aspirin, ein weiterer Teil der ABC-Therapie, wirkt bei Frauen anders als bei Männern: Aspirin schützt gesunde Männer vor einem Herzinfarkt. Frauen hingegen schützt das Medikament vor etwas anderem, nämlich vor einem Schlaganfall. Als Schutz gegen einen Infarkt zeigte es jedoch keine beachtliche Wirkung. Und dazu wie sich der dritte Stoff der ABC-Therapie, der Cholesterinsenker, auf die Körper von Frauen auswirkt, gibt es keine spezifischen Untersuchungen.

Frauen sind Probandinnen, ob sie wollen oder nicht

Die Vernachlässigung von Frauen in den Studien zur Wirkung von Arzneimitteln erklärt sich die Gendermedizinerin Margarethe Hochleitner größtenteils durch die Unkalkulierbarkeit der Hormone
von Frauen. „Frauen haben einen wechselnden Hormonspiegel. Männer hingegen haben immer denselben.“ Das bedeutet, dass man bei Frauen mehrere teure und aufwändige Hormonbestimmungen machen muss, um die Studienergebnisse nicht zu verfälschen.
Dazu kommt, dass größtenteils nur Frauen in Studien miteinbezogen werden, die ihre Wechseljahre hinter sich haben. Denn Probandinnen und Probanden müssen während der Studien versichert werden. Frauenversicherungen sind teurer, unter anderem weil Frauen vor der Menopause schwanger sein könnten. Der Risikofaktor des ungeborenen Lebens wird eingerechnet. Frauen kommen in
Österreich im Durchschnitt mit 55 Jahren in die Wechseljahre und damit sind Frauen, die jünger sind, unterrepräsentiert: „Alle Frauen unter 55 Jahren müssen ungetestete Medikamente nehmen. Das
bedeutet, dass alle Frauen unter 55 sind Probandinnen, ob sie wollen oder nicht“, sagt Hochleitner. Ein weiterer Grund, warum Männer im Zentrum der medizinischen Forschungen stehen: Während der
Forschung für neue Arzneimitteln ist Zeit Geld. „In der Pharmaindustrie forschen alle am Selben. Wer es als erster schafft ein gutes Medikament zu finden, kann das Patent anmelden“, sagt die
Gendermedizinerin. Nur bei dem Pharmaunternehmen, das das Patent als erstes anmeldet, rentiert sich die Forschung im Endeffekt. Frauen als Probandinnen in Studien mit einzubeziehen führt zu
höheren Kosten und einem verlangsamten Arbeitstempo und somit zu geringeren Erfolgschancen für die Pharmaunternehmen.
„Die Arzneimittelforschung bei Frauen liegt ganz doll im Argen“, sagt der Arzneimittelforscher Gerd Glaeske. „Wir wissen einfach nicht, wie wir Menschen, die keine weißen Männer sind, behandeln müssen“, sagt Hochleitner. Momentan machen Frauen im Schnitt dreißig Prozent der Studienpopulation aus. Besonders beliebt sind Frauen bei Studien zu Kopfläusen oder der Gewichtskontrolle. „Das sind meiner Meinung nach, schon fast diskriminierende Studien. Frauen werden hier auf Grund von bestimmten Charakteristika, wie langen Haaren, mehr einbezogen. Aber bei Studien zu gängigen Krankheiten vernachlässigt man sie wieder“, sagt Glaeske. Und daran würde sich in naher Zukunft auch nichts ändern. Es gibt keine gesetzliche Verpflichtung für Pharmaunternehmen, ein Medikament an der Population zu testen, der es später auch verschrieben werden soll. Die Pharmaunternehmen müssen Frauen nicht in die Studien miteinbeziehen. Da es sich schlichtweg nicht rentiert auch weibliche Probandinnen in Studien zu untersuchen, werden Frauen ohne gesetzliche Verpflichtung unterrepräsentiert bleiben, sagt Glaeske. „Ich hoffe doch, dass es normal sein wird, Patienten so zu verarzten wie sie es brauchen. Also eine Frau wie eine Frau und einen Mann wie ein Mann“, sagt die Kardiologin Angela Maas zur Zukunft der Medizin.