Die einzig wahren Christen

Die erste WG der Holic-Gemeinschaft befand sich in der Eisvogelgasse. Dies brachte der Gruppe kurzzeitig den Namen „Eisvögel“ ein. Copyright: ©Google

Ausgezeichnet mit dem Journalismus Nachwuchspreis der FHWien der WKW in der Kategorie Text.

Die Reportage gibt einen Einblick in eine religiöse Gemeinschaft, welche von Sektenstellen und Ämtern für Weltanschauungsfragen „Holic-Gruppe“ genannt wird.

Oft wird sie als gefährlich und vereinnahmend skizziert und die Mitglieder in der Gruppe sollen jeglichen Kontakt zur Außenwelt abbrechen. Ein Spaziergang mit zwei Mitgliedern sowie ein Gespräch mit einem Religionswissenschaftler, welcher bei der Formierung der Gruppe in Wien präsent war, soll mehr Aufschluss über die Realität des Lebens in der Gruppe geben und der Frage nachgehen was eigentlich eine Sekte ist.

Reportage von Viktor Wenger

Entstanden im Rahmen des Bachelor-Studiengangs „Journalismus & Medienmanagement“ im Wintersemester 2020.

Eine leicht abgeänderte Version des Artikels ist im Augustin erschienen.


Die einzig wahren Christen

Die sogenannte „Holic Gruppe“ ist eine nicht anerkannte religiöse Splittergemeinde. Gegründet in Wien und im letzten halben Jahrhundert durch ganz Mitteleuropa verbreitet, verschwand sie über das letzte Jahrzehnt spurlos aus den Medien. Weltweit zählt die Gemeinschaft laut Schätzungen 100 bis 150 Mitglieder. In Wien gibt es immer noch eine kleine, aber starke Gemeinde.

„Also eigentlich, wenn du Zeit für etwas anderes neben Gott aufwendest ist das eine Sünde“, sagt Bernhard langsam und so, als wäre es das Ergebnis langer Kalkulationen und Nachforschungen. „Deshalb haben wir auch keinen Fernseher und verbringen jeden Tag mit der Bibel“ meint der schlicht gekleidete 49-Jährige durch seinen Mund-Nasen-Schutz. Er zieht eine Kapuze über seine hellbraune Kurzhaarfrisur und streicht über seinen Dreitagebart. Es beginnt stärker zu nieseln. Bernhard und seine Glaubensschwester Karin spannen die mitgebrachten Regenschirme auf. Der Regen stört sie allerdings kaum. Sich an einem verregneten Samstagnachmittag mit einem Fremden im Schönbrunner Schlosspark zu treffen, um über ihren Glauben zu sprechen, scheint ihnen übrigens auch gar nichts auszumachen. Sie sind motiviert und legen breit dar, wie wichtig ihnen Ehrlichkeit und Liebe in ihrem Religionsverständnis sind. Es wirkt fast, als täten sie so etwas nicht zum ersten Mal. Bernhard kennt die riesige Parkanlage mit allen ihren Wegen praktisch auswendig. Der Eindruck entsteht, sie sind zur Arbeit hier. Karin entgegnet: „So eine Einteilung unserer Zeit machen wir nicht wirklich, alles ist für Gott.“ Zum Broterwerb ist sie jedoch Ordinationsassistentin und Bernhard selbständiger Tischler. Außerdem sind die Beiden Teil einer religiösen Gemeinde, welche von außen oft als „Holic Gruppe“ bezeichnet wird. Sie selbst betonen hingegen mehrmals, dass die Gemeinschaft keinen Namen hat. Denn als die „wahren Christen“ brauchen und wollen sie einen solchen nicht. Glaubensgeschwister seien alle Menschen die „mit einem offenen Herzen die Bibel lesen“. Dieses Selbstverständnis macht regionale Eingrenzungen schwierig. Konkrete Wohngemeinschaften finden sich etwa in Deutschland, Polen, Ungarn, den Niederlanden oder in Indien.

Laut den Christen gibt es auch keine wirkliche Gruppengründung. Ihre Geschichte gehe, sich auf die Apostelgeschichten berufend, bis in das Jahr 30 zurück. „Gründer und Leiter ist einzig und allein Jesus Christus“ ist auf einer ihrer Websites zu lesen. Der zugeschriebene Name „Holic-Gruppe“ leitet sich von Gottfried Holic ab, welcher 1943 geboren wurde. Er soll zumindest eine große Rolle in der Formierung der Gruppe gespielt haben, wenn nicht sogar „Leiter“ gewesen sein. Es wird von einer Art Bekehrungserlebnis im Waldmüllerpark gesprochen. Beim Schachspielen mit Agnostikern soll ein 23 Jahre alter Holic sich eines Besseren besinnt und dazu entschlossen haben, sein Leben nur mehr dem „Anspruch Jesu“ zu widmen. Die Schachspielanlagen des Parks sind heute nicht mehr zu finden. Aktuell wirkt der Park in Wien Favoriten sowieso eher verlassen. Ein MA48 Mitarbeiter leert die Mistkübel und ein kleiner weißer Beton Pavillon ist komplett mit Graffitis verziert. Hier fällt es etwas schwer sich die Erleuchtung, welche eine eigene religiöse Bewegung hervorbrachte, vorzustellen. Ein klein wenig leichter macht es das Wissen, dass sich hier einmal der katholische Matzleinsdorfer Friedhof befunden hat. Übernatürliche Legenden hin oder her, damals schrieb sich Holic an der Uni Wien für katholische Theologie ein. Zehn Jahre danach formt sich um den immer noch studierenden Holic eine kleine Schar, welche mit der katholischen Lehre nicht mehr so ganz übereinstimmen wollte und auf eigene Faust Sinnfindung betreibt. Eine Art Ur-Christentum wird gesucht. Das war in den späten Siebzigern.

Dieser Kreis sei sehr lose gewesen und nicht so fest wie heute, meint Professor Hans Gerald Hödl. Er unterrichtet und forscht am Institut für Religionswissenschaften der Uni Wien. Hödl hat selbst der Gruppe in ihren Anfangsjahren nahegestanden, denn Gottfried Holic war ein Studienkollege von ihm. In dieser Gemeinschaft wurden öfters Wanderungen im Wiener Wald zum Schwammerlsuchen unternommen. Dabei habe Holic mit den männlichen Teilnehmern „gerauft“. „Ich hab das als sehr unangenehm empfunden, es war so etwas wie ein Abbauen der aufgestauten körperlichen Energie, denn die Leute lehnten sexuelle Betätigung und sogar Genussmittel wie Kaffee ab“ meint Hödl. Holic und sein Umfeld waren außerdem auf religiösen Veranstaltungen von freikirchlichen Messen bis Bibel-Vorträgen zu finden. Dort wurden ihre Ideen dann breit mit den anderen Teilnehmenden diskutiert. Und stießen mitunter auf fruchtbaren Boden. Ein Prozess der Entgeisterung und anschließender Neuorientierung sei im Theologiestudium kein seltenes Phänomen, erklärt Professor Hödl: „Viele kommen mit einem bestimmten Glauben und werden dann mit einer relativ kritischen Theologie konfrontiert“. Die Orientierung zu einem reinen und bibelbasierten Christentum bietet im Fall von Holic Abhilfe. Als den “wahren ersten Christen“ nachfolgend, lehnte die Gemeinde damals wie heute einen großen Teil, von dem was man mit Kirche und Religion verbindet, ab. Es gibt keine Priester*innen und jegliche Rituale, bis auf ein gemeinsames Bibelstudium, sind tabu. Dafür wird Gemeinschaft sehr in den Mittelpunkt gerückt. Karin erzählt von der WG, in der die Beiden leben. Dort ziehe man sich nicht zurück und alles werde offen in der Gruppe besprochen, bis hin zu sündigen Gedanken. Es existiert kein Gotteshaus, sondern nur vernetzte Wohngemeinschaften – um das christliche Zusammenleben zu intensivieren.

Der sendungsbewusste Holic soll in seiner Argumentation für dieses Christentum nicht von anderen Perspektiven überzeugbar gewesen sein. Ein Brief der österreichischen Studentenmission von 1980 zeigt eines deutlich: es ist schwer mit ihm zu diskutieren. In dem Brief wird er gebeten, die Veranstaltungen der Studentenmission nicht mehr zu besuchen, da er zu aggressiv ist, wenn jemand nicht seine Meinung teilt. Diese Eigenschaft scheint sich in der Gemeinde gehalten zu haben – Bernhard und Karin sind ebenso unter keinen Umständen bereit nicht das letzte Wort zu haben, wenn auch auf höfliche und freundliche Art. Immer wird ein kluges Argument gefunden, welches vielleicht doch noch eine andere Auslegung zulässt und ihre Ansichten für den Rest der Menschheit verbindlich erscheinen lässt. Den Buddhismus und Islam diskutieren sie zwar, jedoch nur um sie als Spinnereien oder schlecht abgeschriebene Versionen des biblischen Christentums abzutun. Die Beiden erwähnen Holic zwar kein einziges Mal, es finden sich dennoch weitere Kontinuitäten, welche wohl auf ihn zurückgehen. So berichten die zwei von einer Wanderung im Wiener Wald letzten Samstag. Ehemalige Mitglieder beschreiben ebenfalls stundenlange fordernde Wanderungen, um Gott näher zu sein. Und auch vom „Raufen“ kann man in einigen Berichten lesen. Die Rolle der, doch etwas ungewöhnlichen, Aktivität wird allerdings nie so richtig klar. Von manchen wird sie als Ausgleich zum fast enthaltsamen Lebensstil gesehen, denn es ist unter anderem die Rede vom „Raufen“ zwischen Frauen und Männern.

In Bernhards und Karins Schilderungen kommt zu diesem Thema vor allem die böse Rolle der Sexualität vor. “Wenn die Frauen beim Schwimmen die Männer mit ihren kurzen Badeanzügen in Versuchung bringen, dann ist das gar nicht im Sinne von Jesu“ erwähnt Bernhard. Karin pflichtet ihm bei, während ihr Blick über die Rosen im Schlossgarten streift. Die Frage, ob es in ihrer Gemeinschaft Ehen gibt, lässt die zwei etwas nervös werden. Sie drücken ein bisschen um das Thema herum, meinen schlussendlich, dass es nicht verboten sei, aber es zurzeit keine Ehen gäbe. Ähnlich sieht es bei den meisten anderen Berichten zur Ehe in der Gruppe aus. Konkrete Regeln sind angeblich nicht vorhanden, wirklich akzeptiert scheinen Beziehungen trotzdem nicht zu sein. Ausgeschlossene Mitglieder malen oft ein äußerst strenges Bild, nicht nur was Ehe und Sexualleben betrifft. Laut diesen Erzählungen werden nämlich seit den 2000er Jahren ganz gerne mal Leute ausgeschlossen. Die Gründe dafür: ein zu hohes Schlafbedürfnis oder der Wunsch, die eigenen Eltern öfter zu sehen. Alles was nicht für Gott getan wird ist Sünde. Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen sieht das ähnlich, sie meint „ich habe selten so massive Eingriffe auf Personen erlebt“. Auf der Website „defamed-but-true.de“ werden einzelne Vorwürfe von der Gemeinde selbst diskutiert. Es wird dargestellt, dass der Ausschluss ein nötiges Mittel ist, jedoch nur dann, wenn es zu massiven Unehrlichkeiten und einer Abwendung von Gott kommt.

2004 wurde Gottfried Holic selbst ausgeschlossen. Warum ist nicht ganz klar. Professor Hödl meint, er habe ihn vor einigen Jahren noch ab und an in Vorlesungen gesehen, jedoch “sah er jämmerlich und verwahrlost aus, trug zerrissene Kleidung und war komplett ungewaschen“. Alleine aufgrund der strengen Regeln würde Hödl den Sektenbegriff aber nicht anlegen. Und tatsächlich fehlen viele klassische Zeichen einer „Sekte“. Es wird meist nur in Kreisen bereits stark christlicher Menschen missioniert, es existiert keine zentrale durchorganisierte Führung und ein Modell zur Profitbeschaffung findet sich in der Gemeinschaft ebenso nicht. Doch ein gewisser Hang zum Fundamentalismus bleibt. Es ist sicherlich nicht ganz ohne Grund, dass diverse Beratungsstellen, von der Bundesstelle für Sektenfragen in Wien bis zum Referat für Weltanschauungsfragen in Dresden, die Gemeinde in ihren Datenbanken haben. Schiesser weist ebenfalls auf die komplexe Situation hin, wenn es darum geht Gruppierungen einzustufen. „Sekte“ sei meist kein passender Begriff, den im Grunde ist entscheidend, ob es den Menschen gut geht. In diesem Kreis gäbe es allerdings Fälle wo das Umfeld der entsprechenden Person dies stark anzweifelt und psychische Auffälligkeiten feststellt.

Davon reden Bernhard und Karin aber nicht wirklich. Ihnen geht es prima. Der Regen in Schönbrunn wird immer heftiger und die Sonne geht unter. Die zwei spazieren und diskutieren unermüdlich weiter. Sie erzählen von Ihrem Gott, wie er alles weiß, jeden liebt und alles erschaffen hat, ja auch den gerade fallenden Regen. Nach drei Stunden wird der Park dann schlussendlich verlassen. Am Ausgang Richtung U-Bahn-Station Hietzing liegt es ihnen fern sich zu verabschieden, pitschnass wird der Weg zu den Öffis angetreten, und im Wagon kommen noch einmal Hinweise darauf welches Evangelium nun das Beste für Einsteiger wäre. Ein für die Beiden unerwartetes Aussteigen in der Station Längenfeldgasse setzt dem Treffen ein Ende. Bernhard verabschiedet sich mit einem freundlichen Lächeln und den Worten: „Wir sehen uns sicher nochmal wieder.“ *Namen geändert